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Reisebericht von Opportunity Präsident Stefan Knüppel über die Situation von Mikrofinanz in Indien: Blitz, Donner, heiliger Zorn und die Hoffnung auf Solidarität

Freundlich begrüssen uns Sheela und ihre Freundinnen in einem verwilderten Garten im südostindischen Mamallapuram. 15 Frauen haben sich vor einigen Monaten zu einer neuen Kreditgruppe von Opportunity Indien zusammengefunden. Die Damen servieren uns als Willkommensgruss frische Kokosmilch.

Ich schaue etwas ungläubig, als sie mir den Namen ihrer Solidaritätsgruppe nennen: „Blitz, genauso wie der Blitz, der einen erschreckt, wenn er aus den Wolken zur Erde fährt", erklären sie mir. Bis vor Kurzem hatten sie noch keine Chance, das kärgliche Einkommen ihrer Familien aufzubessern. „Wir sassen zu Hause und mussten das Elend unserer Familien mit anschauen", erinnert sich Sheela. Erst durch einen Kleinkredit, den sie in ein eigenes Kleinunternehmen gesteckt haben, hat sich ihr Leben dramatisch verbessert. Die Freude und der Lebensmut der Frauen sind nahezu mit Händen zu greifen. Stolz zeigen mir die Frauen ihre Sparbücher. Ein kleiner Beleg für ihren Erfolg, neben ihren strahlenden Gesichtern.

Sie ahnen noch nichts von einem Unwetter, das sich zurzeit auch über ihnen zusammenbraut und dessen Einschläge immer näher kommen. Was bedroht diese fröhlichen, erfolgreichen Frauen?

Dunkle Gewitterwolken über Indiens Mikrofinanz

Jim Reiff und Samuel Chandar
Jim Reiff und Samuel Chandar,
Vorstand Opportunity Indien, April 2011

Seit einigen Monaten schaut die Welt auf Indien, wenn es um das Thema Mikrofinanz geht. Unverantwortliche, skrupellose Mikrokreditanbieter haben die Not der Armen in Andhra Pradesh ausgenutzt und mit leichtfertig vergebenen Krediten Frauen und Männer in die Überschuldung getrieben, ohne zu fragen, ob ein Kredit sinnvoll einge-setzt und zurückgezahlt werden kann. In einigen Fällen schien den Opfern dieser Geschäftemacher der Selbstmord der einzige, entsetzliche Ausweg zu sein. Die indische Regierung griff die Medienberichte darüber auf und leitete öffentlichkeitswirksam die Neuregelung des Mikrofinanzsektors ein.

Es sind diese wenigen „schwarzen Schafe" der Mikrofinanzbranche, die jetzt auch die Existenz der Kreditgruppe „Blitz" in Mamallapuram gefährden. Das Führungsteam von Opportunity Indien, Jim Reiff, und Samuel Chandar schauen mich besorgt an. „Die angekündigte, aber im Detail noch unklare Regulierung der Mikrokreditbranche durch die indische Regierung lässt die Banken derzeit abwarten. Selbst bestehende Kreditlinien werden nicht verlängert. Der Prozess kann sich noch Monate hinziehen. Das ist dramatisch, weil wir diese Kreditlinien brauchen, um die Schwankungen zwischen Spareinlagen und ausgegebenen Krediten auszugleichen. Zurzeit verfügen wir noch über Liquidität für einige Monate. Danach werden wir die Frauen nicht mehr so wie bisher unterstützen können. Viele werden es dann nicht mehr schaffen, ihr Leben grundsätzlich zu verändern. Deswegen brauchen wir jetzt Hilfe von aussen! Obwohl wir nach einem anderen Ansatz arbeiten als die „schwarzen Schafe", werden auch wir so zu Opfern dieser Geschäftemacher, und noch schlimmer, damit auch unsere Klienten."

Soziale Mikrofinanzierung oder Kreditfalle?

Opportunity Indien steht für soziale Mikrofinanz. Es findet ein sorgfältiger Auswahlprozess der Klienten statt, für jeden wird die passende Kreditsumme ermittelt. Überschuldung entsteht so erst gar nicht. Neben dem Kredit geben wir den Frauen die Möglichkeit zum Sparen und bieten Mikroversicherungen sowie Schulungen zur guten Geschäftsführung und Gesundheitstrainings an. Ein weiterer Schwerpunkt ist die finanzielle Allgemeinbildung, damit die Frauen Zinsrechnung verstehen und die Wichtigkeit des Sparens verinnerlichen. Zudem gibt es seit Jahren kostenlose Schulungsangebote für Frauen, die an psychischen Problemen leiden, auch um der in ganz Indien verbreiteten hohen Selbstmordrate zu begegnen.

Für die Frauen ist es eine Lebensentscheidung, ihr Schicksal selber als Unternehmer in die Hand zu nehmen, eine Alternative zum Leben in Armut oder zu betteln und sich zu prostituieren. Wir helfen ihnen, die richtige Entscheidung zu treffen und damit Erfolg zu haben. Dies funktioniert aber nur, weil wir mit Spenden arbeiten können. Die „schwarzen Schafe" sind jedoch vom Profit getrieben. Deswegen vergeben sie lediglich Kredite: Ohne sorgfältige Auswahl, ohne Schulungen, ohne weitere Hilfsangebote und häufig in zu grosser Höhe. Können die Raten dann nicht geschultert werden, entsteht für die Kre-ditnehmer eine Spirale der Verzweiflung: Neue Kredite müssen aufgenommen wer-den, um die Zinsen und den ersten Kredit zu bedienen. Der Teufelskreis der Über-schuldung ist dann kaum noch zu stoppen. Auch, weil niemand den Frauen hilft.

Politik nimmt massiven Einfluss auf Mikrofinanz

Wir haben schon seit Jahren von der Politik in Indien gefordert, dass der Mikrofinanzbereich klar und stringent reguliert werden muss. Aber dass wir nun wegen der Wahlen im Bundesstaat Tamil Nadu für vier Wochen keine Gruppentreffen veranstalten dürfen, ist eine Behinderung unserer Arbeit, die grossen Schaden anrichtet. Die Regierung fürchtet, dass im Vorfeld der Wahlen im Bundesstaat Tamil Nadu politischer Einfluss auf Kreditnehmer genommen werden könnte. Dabei ist es unser einziger Wunsch, ungestört und im Interesse unserer Klienten arbeiten zu können.

Auch diesen Eingriff haben wir den skrupellosen Geschäftemachern in Andhra Pradesh zu verdanken. Dort ist der gesamte Mikrofinanzbereich mittlerweile derart politisiert, dass die Beeinflussung von Kreditnehmern durch „schwarze Schafe" möglich erscheint. Für uns ist das eine bitter, das andere schlichtweg ein Skandal. Unser Geschäftsmodell basiert auf Gruppenkrediten und den dazu gehörenden Treffen der Gruppen für die wöchentlichen Gespräche und Rückzahlungen. Ohnmächtig müssen wir hinnehmen, dass in diesen vier Wochen unsere Arbeit komplett unterbunden ist, nur die Kosten für Miete, Löhne und Gehälter laufen weiter.

Traurigkeit und Zorn

In den letzten Jahren sind viele kleine gemeinnützige und sozial orientierte Mikrofinanzinitiativen entstanden, deren einziges Ziel es ist, Menschen einen Weg aus der Armut zu ebnen. Parallel dazu wuchsen einige kommerziellen Mikrofinanzbanken innerhalb kürzester Zeit ungezügelt. Unter ihnen sind es auch nur einige wenige, die das gefährden, was viele zusammen mit Millionen von arbeitsamen Kreditnehmern aufgebaut haben. Ich selber durfte in den letzten Jahren erleben, wie dynamisch sich Opportunity mit der gesamten Mikrofinanzbranche zusammen entwickelt hat. Aus kleinsten Anfängen sind in Indien mittlerweile 17 Filialen entstanden, die über 61'000 Frauen erreichen. Dies alles ist nun in höchster Gefahr. Soll dies mutwillig von aussen zerstört werden?

Nach vielen Begegnungen und Gesprächen bin ich mit zwiespältigen Gefühlen konfrontiert. Ich werde unendlich traurig, wenn ich daran denke, dass wir zu Sheela und den anderen Frauen der Kreditgruppe „Blitz" gehen müssten, um den Kredit platzen zu lassen, um ihnen zu sagen, dass ihre Gruppe geschlossen werden muss, dass unsere Mitarbeiter entlassen werden müssen. Armut in Indien hat furchtbare Gesich-ter. Ich hatte die Hoffnung, dass zumindest die Frauen um Sheela sie hinter sich gelassen hätten. Dann fühle ich aber auch Zorn in mir aufwallen: Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Frauen um die Früchte ihrer harten Arbeit gebracht werden! Ich würde die skrupellosen Banker aus Andhra Pradesh gerne damit konfrontieren, was sie mit ihrer blinden Profitgier angerichtet haben. Aber wahrscheinlich würde man mich bereits im Vorzimmer abfangen, mir lächelnd Kaffee servieren und dann würde ein Pressesprecher stichhaltig, in wohl gewählten Worten darlegen, warum sie ganz sicher keine Schuld an der aktuellen Misere tragen.

Solidarität

Die vielen kleinen Mikrofinanzinitiativen in Indien, weit über tausend an der Zahl und vielen in Europa unbekannt, sind jetzt akut gefährdet. Sie brauchen dringend finanzielle Unterstützung, um die Krise und die Zeit der rechtlichen Unsicherheit zu überbrücken. Opportunity Indien alleine hat durch die aktuelle Krise einen zusätzlichen Finanzbedarf von 1,3 Mio. Dollar, um die Arbeit für das Jahr 2011 abzusichern. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung!

Im April 2011 habe ich viele Frauen in Südindien getroffen. Sie sind es wert, dass wir in dieser Krise für sie kämpfen. Sheela und ihre Freundinnen haben unsere Solidarität verdient!

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