Interview mit Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger 2006

Muhammad Yunus bekam 2006 den Friedensnobelpreis für seine Mikrofinanzierungsarbeit mit der Grameen-Bank in Bangladesch.
Lesen Sie hier das Interview, das Christopher Crane, Vorstand von Opportunity International USA mit ihm führte:
Crane: Professor Yunus, wie Sie wissen ist Opportunity International der weltweite Führer im Aufbau von kommerziellen Mikrofinanzbanken für die Armen. Bitte erklären Sie, warum es so wichtig ist, den Armen zusätzlich zu der Kreditvergabe weitere Dienstleistungen wie Sparkonten und Mikroversicherungen anzubieten.
Yunus: Ich
finde es gut, wie Opportunity International diese Arbeit angeht, denn
ihr geht den formalen Weg. Ihr baut kommerzielle Banken auf, das ist
eine wichtige Sache. Ihr konzentriert euch auf die Armen. Das ist eine
andere wichtige Sache. Denn wenn man einmal eine Bank aufgebaut hat,
könnte man auch eine andere Richtung einschlagen, aber ihr konzentriert
euch wirklich auf die armen Menschen.
Ihr versucht Gewinn zu
erwirtschaften, um dadurch Geld an die Armen zu verleihen. Das ist das
höchste Ziel von Mikrofinanzierung, so wie ihr es anfasst.
Dadurch
seid ihr ein Vorbild für alle anderen bezüglich der Art und Weise, wie
man diese Arbeit durchführen sollte. Das Angebot eines Sparkontos ist
genauso wichtig wie die Kleinkreditvergabe, denn beides ist ein
wesentlicher Bestandteil des Programms.
Crane: Wir sind auch führend im Bereich Mikroversicherungen; wir haben bis Ende 2006 drei Millionen Leben versichert. Bitte erklären Sie die Bedeutung von Mikroversicherungen für die extrem armen Menschen.
Yunus: Sie
sind in der Tat sehr wichtig, besonders für arme Menschen. Eine
Versicherung bedeutet, dass ein Risiko abgedeckt wird, und besonders
die Armen führen ein Leben voller Risiken. Das Angebot einer
Mikroversicherung hat also eine ungeheure Bedeutung für arme Menschen.
Dies kann in vielen verschiedenen Formen geschehen: es kann eine
Lebensversicherung sein, es kann eine Krankenversicherung sein, es kann
sogar eine Darlehensversicherung sein.
In einem Land wie
Bangladesch gibt es Überflutungen und andere Unsicherheiten im Hinblick
auf die klimatischen Bedingungen. Dort kann man Mikroversicherungen
sehr gut gebrauchen. Es ist ein sehr wichtiger Service, den arme
Menschen dringend nötig haben.
Crane: Sie sind schon seit 30 Jahren in der Mikrofinanzierung tätig. Dadurch sind Sie in einer exzellenten Position, um einen Blick in die Zukunft zu werfen. Sie sehen, wie verschiedene Trends auftauchen. Was wäre nun wichtig, was eine Organisation wie Opportunity International tun muss, um weiterhin den Ärmsten der arbeitenden Armen einen wichtigen Service bieten zu können?
Yunus: Ich mag das derzeitige Konzept von Opportunity International in Form einer lizenzierten Bank, was sich von der Arbeit anderer Mikrofinanzierungsprogramme doch sehr unterscheidet. Das finde ich sehr unterstützenswert.
Crane: Der Friedensnobelpreis ist der angesehenste Preis auf der Welt. Herzlichen Glückwunsch noch einmal dazu. Warum hat das Nobelpreis-Komitee ihn einem Mikrofinanzierungsexperten wie Ihnen verliehen?
Yunus: Ich
glaube, die Idee dahinter ist, dass Armut als Bedrohung des Friedens
gesehen wird. Solange es Armut gibt, ist der Frieden nicht gesichert.
Denn Armut schafft Spannungen in der Gesellschaft und zwischen
Regierungen und Ländern, die den Frieden stören. Wenn man also Frieden
stiften will, dann ist es von der ökonomischen Seite her am besten, das
Thema Armut anzugehen, damit die Menschen ein besseres Leben führen
können.
Das hat das Nobelpreiskomitee getan. Festzustellen, dass
Armut eine Bedrohung für den Frieden darstellt, und dass Mikrokredite
helfen, die Armut zu überwinden. Diese Verbindung führte zu dem Preis
und das war der Grund, warum man mich und die Grameen Bank für den
diesjährigen Nobelpreis auswählte.
Crane: Es ist von grossem Nutzen für uns alle, die wir in der Mikrofinanzierung tätig sind, dass Sie diesen Preis erhalten haben.
Yunus: Wir sind alle sehr glücklich darüber. Es wird neues Leben in die Mikrokredit-Bewegung bringen, das wir alle zusammen teilen.
Crane: Wir haben darüber gesprochen, was der Nobelpreis für die Mikrofinanzierung bedeutet, aber wie steht es mit Ihnen selber?
Yunus: Nun,
für mich selber ist es phantastisch. Ich meine, es ist eine
unglaubliche Sache, die da passiert ist. Das Leben vor dem 13. Oktober
2006 und das Leben nach dem 13. Oktober 2006 hat sich sehr stark
verändert, denn plötzlich wollen die Menschen tatsächlich hören, was du
zu sagen hast.
Sie wollen sich wirklich anhören, was wir sonst
herausschreien mussten, um die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen.
Heutzutage ist es so, dass jeder hört, was auch immer ich nur flüstere.
Das ist eine ungeheure Veränderung und es fühlt sich an, als sei
nicht nur ich selber, sondern die gesamte Mikrofinanzierung und die
Dinge, die dort geschehen, im Blickpunkt der Welt.
Es ist ein
grosses Privileg, dass die Welt daran interessiert ist. Menschen, die
vorher noch nie von Mikrokrediten gehört haben oder die vorher nie an
Mikrokrediten interessiert waren, fangen nun an zu fragen: was sind
Mikrokredite? wie wirken sie? was ist so gut an ihnen, dass sie einen
Nobelpreis bekommen haben?
Dies ist also eine phantastische
Möglichkeit für uns, es zu erklären und die Botschaft weiterzutragen.
Ich würde sagen, es war für uns als Mikrokredit-Bewegung, die armen
Menschen finanzielle Dienste zur Verfügung stellt, wirklich ein
gewaltiger Gewinn.
Crane: Professor Yunus, Opportunity International möchte Ihnen seinen herzlichsten Dank aussprechen im Namen aller, denen Sie geholfen haben.








