Dr. Bärbel Krumme: Einsatz im Bürgerkrieg
Mein Name ist Dr. Bärbel Krumme. Ich war damals Internistin und Tropenärztin beim Cap Anamur-Team in Uganda. Heute lebe ich nach zahlreichen Auslandseinsätzen wieder in Deutschland, seit Anfang des Jahres als Rentnerin in Würzburg.
Es hat mich auch sehr berührt, dass Rupert Neudeck (Gründer von Cap Anamur) mit John Gasangwa zusammengetroffen ist und herausgefunden hat, dass John in Nakaseke während des Krieges in Uganda behandelt wurde und dabei war, als das Krankenhaus gestürmt werden sollte.
Es ist für mich sehr schön zu wissen, dass er jetzt eine gute berufliche Perspektive hat und etwas Positives für seine Mitmenschen tut, nachdem er so früh so viel durchmachen musste.
Es war damals eine sehr schwierige Zeit während des Bürgerkrieges im Luwero District. Die Menschen wurden immer wieder von Truppen bedroht, die Obote zur Bekämpfung der Untergrundbewegung von Museveni in die Region geschickt hatte, mussten ihre Felder oder ihr Vieh verlassen und sich verstecken. Es gab Gemetzel in den Dörfern und viele Tote. Wir, das Team von Cap Anamur/ Deutschen Notärzte e.V., die im District Hospital in Nakaseke lebten und arbeiteten, wurden vielfach Zeugen davon.
Da wir nicht, wie Teams anderer Organisationen tagsüber in den Luwero District hineinfuhren und abends zurück nach Kampala kamen, sondern dort Tag und Nacht blieben, suchten viele Menschen im Hospital Schutz. Ständig gab es Einzelne, die sich bedroht fühlten und es auch waren. Aber mindestens dreimal kamen Hunderte von Menschen für einige Tage ins Hospital bis sich die Situation wieder beruhigt hatte (häufig erst nach Verhandlungen von uns mit Regierungsvertretern in Kampala.
Zweimal konnten wir die Erstürmung des Hospitals verhindern, weil wir uns vor die Schutzsuchenden in die Eingänge stellten, einmal aber nicht. Aber das eine Mal bin ich dann zu Fuss mit den vielen Menschen ins Soldaten-Quartier gegangen und habe dann von dort aus mit meinen Teamkolleginnen einen Shuttle aufrechterhalten, in dem wir mit dem Auto hin und her fuhren, um die Menschen mit frischem Trinkwasser zu versorgen und die Kinder mit Nahrung, (während zwei von uns ständig im Soldaten-Quartier bei den Menschen blieben, um Panik unter ihnen und Übergriffe durch die Soldaten zu verhindern).
Es war eine sehr bedrohliche Situation, bei dem die Männer von den Frauen und Kindern getrennt wurden. Die Menschen waren auf das Schlimmste gefasst. Abends haben wir aus dem Hospital viele Laternen geholt und alles beleuchtet. Das hat wiederum den Soldaten Angst eingeflösst, weil sie so von weither sichtbar und damit verwundbar wurden. Deshalb durften wir dann nach Einbruch der Dämmerung alle Gefangenen wieder ins Hospital zurückführen.
Dass man uns gewähren liess und sich nicht traute, uns das Handwerk zu legen, ist für mich bis heute ebenso ein Rätsel wie die Geschichte von Pfarrer Bodelschwingh in Bethel, der sich im Dritten Reich vor die Behinderten stellte und so verhindern konnte, dass seine Schützlinge von Hitlers Schergen abgeholt und getötet wurden. Es liegt vielleicht daran, weil es in diesen Momenten gelang, auch in den abgebrühtesten Soldaten und Mördern noch einen Funken Skrupel und Rechtschaffenheit ans Licht zu holen, der sie vor der letzten Gewalt zurückschrecken liess.
Diese Zwischenfälle geschahen fast ausschliesslich an Wochenenden. Am Montag fuhr ich dann früh nach Kampala und verhandelte. Obote fürchtete wohl die Reaktionen der internationalen Presse. Deshalb waren wir erfolgreich, und die Menschen im Hospital bekamen freien Abzug zugesichert.
Die ruandischen Flüchtlinge waren in besonderer Gefahr im Luwero District, weil sie wenig Unterstützung bei der einheimischen Bevölkerung hatten, obwohl alle durch das Militär (aus dem Norden Ugandas) bedroht waren. Oft lebten die ruandischen Flüchtlinge, nachdem ihnen das Vieh gestohlen worden war, unter einfachsten Bedingungen in Camps. Nachts waren sie völlig schutzlos. Tagsüber wurden die Camps vom roten Kreuz besucht und versorgt, dessen Fahrzeuge aber oft - aus Kampala kommend - von den Soldaten unverrichteter Dinge zurückgeschickt wurden. Wir erfuhren das über Funk und versuchten dann einzuspringen.
Wir waren viel näher dran, fuhren durch den Busch und versorgten die Menschen dort, so gut es ging. Viele von den Camp-Bewohnern nahmen wir auf dem Rückweg mit ins Hospital, weil sie schwer unterernährt oder krank waren. John scheint als kleines Kind wegen seiner Unterernährung mit seiner Mutter im Feeding-Programm des Hospitals gewesen zu sein. Dabei hat er offenbar miterlebt oder durch die Erzählungen seiner Mutter erfahren, dass die Soldaten das Hospital einnehmen und die Zivilisten, die sie als Handlanger der "Banditen" (wie sie Musevenies Soldaten nannten) bezeichneten, töten wollten.
Ich kann mich sehr gut an die Panik in den Augen der Menschen erinnern. Die Kinder haben schrecklich viel mitgemacht, weil sie natürlich die Angst ihrer Mütter und Väter spürten. Ich wundere mich heute selbst, dass die Soldaten Respekt vor uns hatten. Ich war damals die einzige Ärztin und die Älteste des Teams und hatte im Laufe der Zeit auch einige Soldaten behandelt. Deshalb war es vielleicht für mich leichter.
Später, während meiner kurzen Abwesenheit in Kampala, als eine jüngere (amerikanische ) Krankenschwester versuchte, einen Patienten aus den Klauen der Soldaten zu retten, gelang das nicht. Sie wurde von Soldaten ausgepeitscht und musste sofort nach Kampala in Sicherheit gebracht werden. Das zeigt die Gradwanderung auf der wir uns damals bewegten. Das Team der Notärzte blieb in Nakaseke, bis eines Sonntags unser Auto auf einer Rückfahrt aus Kampala in einen Hinterhalt geriet und von ca. 10 Kugeln durchsiebt wurde. Dabei kam ein kleiner Junge ums Leben, den wir mitgenommen hatten. Der Fahrer, ein deutscher Krankenpfleger, und eine Krankenschwester auf dem Beifahrersitz überlebten wie durch ein Wunder. Ihre Kopfstützen waren durchschossen worden. Erst später stellte sich heraus, dass das Fahrzeug verwechselt worden war und der Überfall gar nicht uns gegolten hatte.








