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Ein "Produkt der Mikrofinanzierung"

Ross Nathan, Executive Vice President, UOB, Kigali

Ross T. Nathan in seinem Büro

Ross Nathan ist 2006 nach Ruanda gekommen, wo er im Rahmen von Opportunity International die Opportunity International Bank und die Tätigkeiten in Ruanda ins Leben rufen sollte. Des Weiteren sollte er technische Unterstützung bei der Fusionen der Urwego Mikrofinanzierung leisten, um die UrwegoOpportunity Bank Ruandas (UOB) zu schaffen. Dabei übernahm er eine Schlüsselrolle als Transition-Manager bei der Fusion und Umwandlung der Urwego-NGO zur Urwego Opportunity Bank. Dies verlangte besonders eine kulturelle Veränderung und neue Denkweisen. Als COO bei UOB beaufsichtigt und betreut Ross unter anderem das Personalwesen, den IT-Bereich, Produktentwicklung, Marketing und Unternehmensentwicklung sowie das Kredit- und Risikomanagement.

Zuvor war Ross Nathan als Leiter der Mikrofinanzierung und Berater für Opportunity International bei CETZAM in Sambia von 2003-2005 tätig, wo er eine entscheidende Rolle beim Turnaround spielte. Er war für die Restrukturierung der Filialen, das Aufbauen des Kreditrisikomanagements, die Marketing- und die Finanzabteilung verantwortlich. Ross war ebenso Gründungsmitglied der Guardian Co-operative Bank in Bangalore, Indien, die 1997 ihre Arbeit aufnahm.

Erzählen Sie uns aus Ihrem Leben!

Ich bin 37 Jahre alt und ich sehe mich als ein Produkt der Mikrofinanzierung. Ich wurde in Indien in eine Familie mit bescheidenem Hintergrund hineingeboren. Ich war das sechste Kind. Unsere Familie gehörte den Unberührbaren an, das heisst wir wurden als niedriger als die niedrigste Kaste in Indien angesehen. Mein Vater war ein Fahrer und ein pensionierter Soldat, meine Eltern waren kaum gebildet. Ich war der erste in meiner Familie, der die höhere Schule abschloss und sogar ein Universitätsabsolvent werden würde. Ausser mir schaffte nur einer meiner Brüder die weiterführende Schule.
Meine Kindheit schürte meine Inspiration für die Mikrofinanzierung: Im Turnus nahm mein Vater jeden Monat einen von uns mit zur Bank. Er musste zur Bank gehen, da mein Vater als Soldat eine geringe monatliche Rente erhielt. Aber wir wurden wegen unseres armen Aussehens nicht in die Bank eingelassen. Das war in den frühen 80ern und 90ern, als es nur nationale Banken gab und das Bankwesen sich an die Reichen richtete. Die armen Menschen wurden von den Sicherheitsbediensteten eingeschüchtert und von den Mitarbeitern der Bank schikaniert, wenn diese ihr ärmliches Aussehen oder ihren Analphabetismus beim Ausfüllen verschiedener Bankdokumente bemerkten. Viele Dinge haben sich mit der Globalisierung verändert. Aber noch heute hat meine Mutter, die nun Witwe ist, Angst zur Bank zu gehen, um die Rente meines Vaters abzuheben.

Meine Mutter ist eine ergebene Christin und kämpfte dafür, uns in der Armut gut aufzuziehen. Ich werde niemals die Werte und die Würde, die sie mir während meiner Kindheit beigebracht hat, vergessen. Sie motivierte mich immer, fleissig zu lernen, denn dann könnte ich später in einer Bank arbeiten und somit unsere Lebensumstände verändern.

Glücklicherweise gab Mikrofinanzierung auf die eine oder andere Weise schon sehr lange in Indien. Sparprogramme in Gruppen waren sehr beliebt und gleichzeitig eine der einzigen Möglichkeiten, Finanzdienstleistungen zu erhalten. Meine Mutter war Mitglied in einer dieser christlichen Sparergruppen und sparte kleine Beträge oder nahm kleine Kredite aus diesen Gruppen auf, sodass sie es sich leisten konnte, für unsere Schulgebühren aufzukommen. Ich erinnere mich, dass ich und meine Brüder schon als Kinder immer während der Ferien oder auch nach der Schule gearbeitet haben. Wir erledigten allerlei Arbeiten. Ich arbeitete unter anderem als Tischler, Maler, Hotelbediensteter oder auch als Angestellter in einem Fast-Food- Restaurant. Die Anstellung Hotel half mir, meine Abendschule zu bezahlen. Ich war entschlossen, meinen Abschluss in Finanzwirtschaft zu schaffen und mein Ehrgeiz war es später in einem Büro zu arbeiten und Banker zu werden.

Damals traf ich auch meine jetzige Frau Ramani R. Nathan in der Abendschule. Sie stammte aus einer viel höher angesehenen Familie mit stabilem wirtschaftlichem Hintergrund. Ich ging mit ihr zehn Jahre lang aus, bis ich ein Banker wurde und erst dann als würdig genug von ihrer Familie angesehen wurde, um sie zu heiraten. Damit beschlossen unsere Familien eine Heirat zwischen den verschiedenen Kasten (welches weiterhin in den meisten Teilen Indiens ein Tabu ist).

Nach meinem Abschluss war es schwer für mich, einen Bürojob wegen meines Hintergrunds sowie meinen Erfahrungen im Hotel zu finden. Ich wurde schliesslich ein Büro- und Administrationsassistent bei LML Vespa. Dies war ein Unternehmen, das Motorroller herstellte. Für mich war es jedenfalls ein grosser Erfolg, da ich er erste unserer Familie war, der in einem Büro arbeitete. Alle meine Brüder arbeiteten in Fabriken.

Ich war sehr aktiv in der Gemeinde, am meisten in Aktivitäten, die sozial waren oder die Jugendentwicklung förderten. Unser Priester, Fr. Susainathan, der ein guter Freund ist und mich und meine Ambitionen kannte, machte mich mit Collin Timms in 1997 bekannt. Collin Timms war ein unternehmenslustiger, selbst emporgekommener Geschäftsmann, dem das Ziel, eine „Bank für die Armen" zu gründen, vor Augen schwebte. Somit wurde ich der erste Mitarbeiter der Guardian Bank; wir verkauften Aktien für US $20 vor Kirchen, verschiedenen Institutionen, und vor und in Schulen, beispielsweise an die Eltern und Lehrer. Unsere Kunden waren arm oder auch sehr arm, dennoch investierten sie ihre hart erarbeiteten Rs.1000 (U$D 20), welche ihnen 10 Aktien à $2 gaben, weil sie an unsere Vision glaubten. Unsere neu gegründete Bank wurde ein grossartiger Erfolg. Als ich Collin zum ersten Mal traf, war er kein Banker sondern stammte aus ähnlichen Verhältnissen wie ich. Er prägte den Satz: „ Ich weiss nicht, wie man eine Bank leitet, aber ich weiss, wie man eine Bank nicht leiten sollte!" Ich erinnere mich immer an diesen Satz, wenn wir eine Bank für die Armen schaffen, denn wir imitieren das traditionelle Bankwesen nicht, welches die Armen ausschliesst.

In 2003 war ich bereit, mich neuen Herausforderungen zu stellen. Durch Collin, der CEO unserer Bank war, kontaktierte ich Opportunity International. Daraufhin kam Ken Vander Weele von Opportunity International und interviewte mich.
Zum ersten Mal in meinem Leben sass ich im Flugzeug. Mein Ziel war Sambia, dort sollte ich einen vorläufigen, drei Monate langen Vertrag mit Opportunity Internationals Partnerorganisation CETZAM unterschreiben. Meine Aufgabe sollte die Einführung von individuellen Mikrokrediten werden. Zu dieser Zeit stand CETZAM nicht sonderlich gut da, sondern kämpfte mit ihren Produkten und Dienstleistungen. Dringend brauchten sie einen Umschwung.

Afrika war neu für mich. Es war sehr anders in Bezug auf Kultur, Geschäftsvorgänge und Arbeitsethik. Das erste Mal sah ich auch die extreme Armut Afrikas. Das Niveau der Mikrofinanz-Organisationen in Afrika war sehr niedrig, da die meisten gut ausgebildeten Leute alle für kommerzielle Banken arbeiteten. Dennoch glaubte ich, dass Mikrofinanzierung ein grossartiges Mittel sei, um Armut zu überwinden. Ich musste mich an die Geschäftsmethoden von CETZAM als NGO gewöhnen. Langsam fing ich an, ein Team aufzubauen und gute Praktiken der Finanzierung, die ich schon aus der Guardian Bank im Bereich Mikrofinanz kannte, einzuführen. Letzten Endes blieb ich drei Jahre lang in Sambia, um den ganzen Restrukturierungsprozess von CETZAM mit weiteren Beratern von Opportunity International zu beenden.

Anfang des Jahres 2006 kontaktierte mich Opportunity International USA und bot mir an, mit Mr. Dabbs Cavin, einem Investmentbanker aus Littlerock, USA , bei dem Projekt eine neue Mikrofinanzierungsbank in Ruanda zu starten. Ein Jahr später, entschied Opportunity International mit der lokalen Mikrofinanzinstitution Urwego in Ruanda zu fusionieren.

Um zu meiner Geschichte zurückzukommen, Indien hatte sich seitdem sehr verändert. Meine Überzeugung und Erfahrung ist es, dass Bildung und die Chance der Armut zu entkommen, einzelne Leben sehr verändert und dass sich somit auch die gesamte Generation wandelt. Die heutzutage bezahlbare Bildung hat somit ganz Indien und die gesamte Kultur enorm verändert. Dennoch findet man in Indien weiterhin eine Fülle an Kulturen, Sprachen, Religionen und Akzenten. Daher nennen wir das Land „Einheit der Vielfalt". Jede arme Familie möchte ihre Kinder zur Schule schicken und dieses erzeugt ein bestimmtes Bewusstsein in der Gesellschaft. Heutzutage sind sich die Menschen beispielsweise auch bewusst darüber, dass sie zur Polizei gehen können, wenn sie auf Grund von ihrer Karte, ihrem Glaube, der Religion, der Sprache, etc. diskriminiert worden sind.
Jedes Mal, wenn ich nun während meines Urlaubs nach Indien komme, werde ich sehr von meinem Freunden und Familien respektiert. Dahingegen wurden ich und meine Familie früher oft diskriminiert und gedemütigt, sogar von Freunden und Älteren. Jetzt gehen alle Kinder meiner Brüder, Schwestern und Cousins zur Schule und nehmen ihre Bildung ernst.
Es freut mich sehr, dass meine Familie und meine Freunde mich als Beispiel und Erfolgsmodell für ihre Kinder nennen.

Sie haben 13 Jahre Erfahrung in der Mikrofinanzierung. Wie war es am Anfang und was sind die neuen Perspektiven?

Am Anfang hing Mikrofinanzierung nur mit der Vergabe von Kleinkrediten zusammen. Später stieg das Bedürfnis nach Spar-Programmen, nun gibt es auch Mikro-Versicherungen, Überweisungen, Bankbürgschaften. Viel Weiteres wird noch kommen. Mikrofinanzierung ist eine globale Entwicklungs-Branche geworden. Es gab und gibt weiterhin viele Kritiker, die sagen: „ Wird Mikrofinanzierung die nächste Seifenblase werden?" „Sie ist unreguliert und informell, sie wird nie erfolgreich sein!" Aber heutzutage sehen selbst kommerzielle Banken Mikrofinanzierung als Geschäftsoption. Mikrofinanzierung wird auch immer kommerzieller. Aber die Geschäftsleute sehen nicht die Dynamik der Mikrofinanzierung; sie vernachlässigen ihr wichtigstes Element: die Transformation des Klienten.

Um es noch mal aus meiner Perspektive zusammenzufassen:

  • Mikrofinanz ist dank Muhammad Yunus ein globales Phänomen.
  • Mikrofinanz ist nun reifer, nachdem man aus früheren Fehlern gelernt hat.
  • Mikrofinanz ist ein überlebensfähiges Geschäft, wenn es gut geführt wird; dabei muss als das wichtigste Element die Transformation verstanden werden.
  • Die Mikrofinanzindustrie ist in den meisten Ländern stark reguliert worden; die Banken individualisieren ihre Produkte und Dienstleistungen, um ihre Klienten besser zu bedienen.
  • Viele Entwicklungsländer erkennen Mikrofinanzierung als eins der wirksamsten Instrumente für die Entwicklung des Landes an, um Armut Geschichte werden zu lassen.
  • Mikrofinanz ist entstanden, um zu bleiben.

Sie haben den Wandel von URWEGO von einer Nichtregierungs-Organisation zu einer Bank für Mikrofinanzierung erlebt. Was waren die grössten Herausforderungen?

Eine der grössten Herausforderungen war der gedankliche Schwenk von einer Nichtregierungs-Organisation (NGO) zu einer Bank für Mikrofinanzierung. Ich nahm die Herausforderung an und ging grundlegend mit derselben Strategie wie in Sambia vor. Ich arbeitete eng mit der bisherigen Belegschaft zusammen und kreierte ein gutes neues Team. Intern waren das rund 160 Mitarbeiter. Die Frage war, wie man ihnen klar macht, dass wir immer noch die gleiche Vision und Mission auch als Bank verfolgen. Ebenso dachten sich unsere Klienten: „Sie werden uns im Stich lassen und uns nicht mehr bedienen!" Wir mussten diesen Denkweisen entgegenwirken.
Zusätzlich mussten wir neue Technologien, Computer, biometrische Kennungen etc. einbringen, wobei die Fähigkeiten der Belegschaft auf diesem Gebiet noch recht beschränkt waren.

Zum Glück war die Personalfluktuation während der Fusions- und Umwandlungsphase weniger als 2 Prozent. Seit 2007 expandierten wir und versorgen nun 30'000 Menschen aktiv mit Krediten. Des Weiteren haben wir 20'000 Klienten, die freiwillig bei uns sparen, sodass wir fast über 50'000 Klienten am 30. Juni 2009 erfassen konnten. Wir können daher sagen, dass es eine unserer grundlegenden Missionen war, das Bankwesen für die Armen einfach und bezahlbar zu gestalten.

Warum ist es so wichtig eine Bank für Mikrofinanzierung zu haben?

Weil Banken durch die Zentralbanken und andere Interessengruppen reguliert und geführt werden. Es ist gut, Mikrofinanzierung in einem regulierten Umfeld anzubieten. Die Menschen haben ihr Vertrauen in NGOs und Mikrofinanzinstitutionen verloren. Viele dieser Organisationen haben die Kredit- und Sparkultur geschädigt, indem sie die Spendergelder in einer nicht haltbaren Art und Weise vergeben haben. Deshalb, denke ich, ist es notwendig, Vertrauen und Stabilität des Programms wieder aufzubauen. Dieses kann nur durch die Unternehmenskultur, um ein gesellschaftliches Ziel zu erfüllen, sowie durch weitere Regulierung erfolgen.

Was ist der faszinierendste Aspekt Ihrer Arbeit?

Es fasziniert mich, die unglaubliche Umwandlung unserer Klienten, unserer Mitarbeiter und ihrer Familien mitzuerleben. Dabei werden sie wirtschaftlich, sozial und auch geistlich ermächtigt. Für mich ist es zudem eine persönliche Befriedigung, wenn ich sehe, dass unser Programm ein Lächeln der Hoffnung auf die Lippen unserer Klienten und Mitarbeiter zaubert.

Was mögen Sie an Ruanda?

Nach Sambia wollte ich eigentlich nach Indien zurück, um dort meine Arbeit fortzusetzen und mit meiner ganzen Familie zusammenzuleben. Aber als der Ruf, in Ruanda zu arbeiten, kam, studierte ich die Geschichte Ruandas genauer. Es war schrecklich, was sich in diesem Land zugetragen hatte. Ich hielt somit die Arbeit in Ruanda für eine grössere persönliche Herausforderung verglichen zu der Arbeit in Indien. Zudem gibt es in Indien viele professionelle Leute, die meine Fähigkeiten besitzen und den Job machen können, aber in Afrika ist das etwas anderes. Dort war ich gefordert. Ich sage dies, da der Genozid eine so kleine Sache für Indien und die Welt darstellte. Ich fühlte, dass es eine Möglichkeit für mich war, dem Land etwas zurückzugeben und die Schulden der Welt an Ruanda zurückzuzahlen.

Alles Gesagte und Getane muss man selbst sehen, um glauben zu können, wie sehr sich Ruanda verändert hat. Ich ergreife diese Gelegenheit, um Sie alle in dem „Wunderschönen Land der Tausend Hügel" willkommen zu heissen.

Interview mit Ross T. Nathan
15.07.2009