Von Langnasen und Kaminanzünderhölzchen...
Michael Fritz ist Managementtrainer und lebt in Hamburg. Er engagiert sich ausserdem ehrenamtlich als Opportunity-Botschafter für Opportunity International. Dies ist sein Bericht über seine Reise nach China im Sommer 2008.
Opportunity International China am Break-even
Unter Mao verliessen viele Chinesen ihre Heimat; nicht wenige auch, weil ihre Familienunternehmen enteignet wurden. Heute, zwei Generationen später, kehren manche in das sich liberalisierende China zurück. Sie suchen nach ihren Wurzeln, sie wollen ihren - im Exil fortgesetzten - Erfolg zurück in die Heimat ihrer Vorfahren tragen. Es ist meine Überzeugung, dass besonders diese Rückkehrer die Voraussetzungen für ein irgendwann demokratisches China schaffen, ein zukünftiges China, das einen sehr erheblichen Teil zum Weltfrieden und Weltwohlstand beitragen wird. Opportunity International schaut nicht zu, sondern ist dabei.
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Mit Chinesen zu speisen ist stets eine grosse Freude. Schon deshalb, weil man auf jeden Teller schamlos Zugriff nimmt. Das evoziert eine familiäre Heiterkeit, etwa so, wie wir es aus unserer Kindheit vom Chinesen an der Ecke in Hamburg kennen. In der chinesischen Provinz Anhui ist zurzeit „hot pot" angesagt. Das ultrascharfe Fondue verdient seinen Namen: man schwitzt, wie das Foto zeigt.
Auch sonst gibt es viel Humorvolles: Chinesen nennen uns liebevoll Langnasen und essen nicht mit Messer und Gabel, sondern mit Kaminanzünderhölzchen. Allerdings bröselt man aus Geschmacksverbesserungsgründen vor dem Essen heimlich das Phosphorköpfchen in das Tischtuch... So oder so ähnlich denkt sich das der Europäer.
Doch woher kommen denn nun eigentlich diese grandiosen Essstäbchen? Wir begeben uns auf die Forschungsreise. Im Sommer 2008 besuchte ich sechs asiatische Länder, auch, um mein Zeitungshalbwissen über Fernost endlich einer Revision zu unterwerfen. In meiner Eigenschaft als Botschafter von Opportunity International Deutschland ist meine erste Station China.
In der Anhui Provinz brodelt Hefei, eine von über fünfzig Millionenstädten im neuen „Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Die raue Industriestadt wächst so schnell, dass sie nicht weiss, wie sie ihren noch schneller wachsenden Wasserbedarf in kommenden Jahren decken soll. Hefei liegt um die fünfhundert Kilometer landeinwärts vom internationalen Shanghai - also schon im Hinterland. Hierher verirrt sich garantiert kein Tourist. Am Flughafen werden meine Begleiterin Carola Mußfeldt und ich herzlich empfangen vom Opportunity-Team. Man lädt am Abend ein zum hot-pot-Essen und wir fragen vergeblich nach zwei Gabeln.
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Unser Gastgeber, Mr. Aaron White (rechts), ist globaler Pendler. In seiner ersten Heimat Australien gehört er zur chinesischen Minderheit. Sein Beruf: Bankvorstand, also Topmanager. Aaron trägt einen westlichen Namen, ist liebender Ehemann und Vater.
Sein Sohn (links) studiert internationales Wirtschaftsrecht und absolviert sein Praktikum bei Opportunity. Hier in China gehören Vater und Sohn zur christlichen Minderheit.
Im Tischgebet dankt Aaron seinem Gott für die Möglichkeit zu guten Taten. Den demütig gesprochenen Worten stehen Taten gegenüber: Aaron vergibt Kredite an Mittellose, die sich selbstständig machen wollen, denen keine internationale Bank auch nur einen Euro gewähren würde.
Aaron White ist Finanzvorstand von Opportunity International China, eine der jüngsten Opportunity-Partnerorganisationen. Gerade mal sechs Jahre am Start und so erfolgreich, dass es eine Freude ist. Man überschreitet soeben den Break-even. Das ist Managersprache und bedeutet, dass die Einnahmen endlich die laufenden Kosten und Investitionen überwiegen. Null Wachstumsabsichten vorausgesetzt, arbeitet Opportunity China also unabhängig von Spenden. Die rückgezahlten Kredite plus eingenommene Zinsen reichen, um den Verwaltungsaufwand und das Training der Klienten zu decken.
Das geht selbstredend nur, weil Opportunity China Kredite ausgibt, die zwischen CHF 270,- und CHF 9'000,- und durchschnittlich um CHF 2'250,- liegen. (Zum Vergleich: Ein Opportunity-Kredit schwankt weltweit durchschnittlich eher um CHF 375,-.) Damit lässt sich also Geld verdienen. Geld, das man wieder in echte Mikrokredite für Arme investieren kann. Muhammed Yunus wird wieder einmal bestätigt.
Das Besondere an Opportunity China ist jedoch, dass man nicht zuerst auf die Anzahl von Kreditnehmern zweckt, sondern auf die Gesamtzahl der geschaffenen Arbeitsplätze: die hiesigen Kreditnehmer schaffen auffällig viele Arbeitsplätze für Dritte. Ich finde diese Strategie intelligent und werde meine Opportunity-Freunde in Deutschland, Ghana und Philippinen danach befragen.
Wir von Opportunity International Deutschland/Schweiz sind in China mit unseren Spendengeldern nicht engagiert, da wir eine Strategie fahren, die eher auf möglichst viele Kreditnehmer zielt, auch deshalb, weil wir Menschen in extremer Armut helfen wollen, also denjenigen, die bisher mit unter CHF 2,4 (2 US-Dollar) am Tag auskommen müssen.
Doch den entscheidenden Grund sehe ich in der Tatsache, dass Chinas Wirtschaft ganz beachtlich aus eigener Kraft wächst und meiner Ansicht nach nicht so sehr unserer finanziellen Hilfe bedarf wie unsere gegenwärtigen Partnerländer. Doch ich möchte nochmals betonen, dass Opportunity China durch seine Klein- und Mittelstandsunternehmerkredite einen Beitrag zur Demokratisierung dieses wunderbaren Landes leistet und deshalb ein Recht auf unsere Anerkennung hat.
Ich befrage Aaron über die Bedingungen in China, denn die Genehmigung von NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) ist hier noch immer eine unmögliche bis heikle Sache: Opportunity China musste tatsächlich als gewinnorientiertes Unternehmen gegründet werden. Man darf bisher keine eigene Bank betreiben, obschon Aaron vermutlich jede Nacht davon träumt: Man könnte so vielen Menschen mehr aus der Armut helfen, und zwar genau dort, wo das gegenwärtige Grossbankensystem versagt.
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Hier hat Mr. Ge seine Stäbchenmanufaktur mit einem Opportunity-Kredit gegründet, das fünfte Darlehen läuft zur Zeit über CHF 3'000. Mr. Ge ist inzwischen Arbeitgeber für bis zu 20 Leute. In den ehemaligen Klassenräumen stehen Maschinen, an denen die Sticks auf die richtige Länge gesägt, rund geschliffen und tischgerecht in Tütchen verpackt werden. Danach werden diese an im Umkreis von 70 km liegende Restaurants verkauft und geliefert. Wir lernen Mr. Ge als freundlichen und zu Recht stolzen Unternehmer kennen.
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Man kehrt zurück in die Stadt, trifft auf Frau Zhang und ihre vierzehnjährige Tochter. Frau Zhang ist 32 Jahre alt und wurde vor sechs Jahren von ihrem Mann verlassen. Ohne Versorgungsanspruch gegen den Exgatten war sie von heute auf morgen arm.
Damals erlaubte ihr ein Opportunity-Kredit, eine gebrauchte Strickmaschine zu kaufen, genau so ein halbautomatisches Ding, wie es meine Mutter Anfang der 70-er Jahre benutzte - ritschratsch, linksrechts, eine Reihe fertig. Man kann damit im Handumdrehen zum Beispiel tolle Pullover machen.
Frau Zhang führt ein Ladengeschäft für Damenmoden. Das Besondere ist, dass alles selbst gestrickt ist: Pullis, Jacken, Socken usf. Das Foto zeigt Frau Zhang an einer ihrer sechs Strickmaschinen, mit dem nächsten Opportunity-Kredit sollen vier weitere angeschafft werden, dann wird Frau Zhang nicht acht, sondern vielleicht 15 Angestellte beschäftigen, was für ein Erfolg. Wie viele Familien hängen an diesen beiden Unternehmen!












